Tiefe Risse im Holocaust-Mahnmal

Quelle:  SPIEGEL ONLINE

War es die Last der Geschichte oder doch bloß ein Materialfehler? Experten sind ratlos, doch fest steht: Viele Beton-Stelen des Berliner Holocaust-Mahnmals haben tiefe Risse und müssen dringend saniert werden.

Berlin - Erst zwei Jahre liegt die Eröffnung des Holocaust-Mahnmals in Berlin zurück, doch haben sich bei einem großen Teil der 2711 Betonstelen bereits Risse gebildet. In der Mehrzahl handele es sich um Haarrisse, doch gebe es auch meterlange Aufbrüche mit Abplatzungen an den Stelenkanten. Gefahr für Besucher bestehe nicht. Nach Angaben der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sind rund 400 Stelen betroffen.

Uwe Neumärker, Geschäftsführer der Stiftung, reagierte zunächst verärgert auf Nachfragen, da die Schäden schon im Frühjahr bekannt gemacht worden seien. Das Problem sei bereits im Eröffnungsjahr 2005 aufgetreten: "Damals waren es 20 Stelen". Im Herbst 2006 seien schon 393 Stelen mit Rissen gezählt worden: "Dann haben wir das Gutachten in Auftrag gegeben." Gemeinsam mit Eisenman werde an einer Lösung gearbeitet, sagte Neumärker. Geplant sei, die Risse mit einer Kunstharz-Injektion zu schließen.

Die Berliner Stadtentwicklungssprecherin Manuela Damianakis wurde präziser: "In die Ritzen kommt eine Epoxidharzinjektion, die anschließend an der Oberfläche kosmetisch behandelt wird." Wie teuer die Sanierung werde, lasse sich zurzeit noch nicht sagen. Es lägen bisher keine Angebote für die Arbeiten vor.

Nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sollen die Schäden noch im Herbst beseitigt werden. Bleiben die Kosten für die Sanierung. Damianakis sagte: "Haarrisse von bis zu 0,1 Millimeter tolerieren wir vereinbarungsgemäß. Bei breiteren Rissen gehen wir davon aus, dass der Hersteller die Kosten trägt, im Rahmen der Gewährleistung jedenfalls."

Wichtig wäre die Schließung der Risse vor dem Winter. Denn Eisbildung im Inneren des Betons würde die bis zu zehn Zentimeter tiefen Spalten immer weiter aufsprengen. Bei den großen Stelen, die innen hohl sind, könnte bald die ganze Wandstärke durchbrochen sein. Nur die ganz kleinen Stelen sind laut Damianakis durchgängig aus dem selben Material.

Warum sich die großen Risse gebildet haben, ist offenbar noch unklar. Haarrisse in Beton dagegen gelten bei Fachleuten als normal. Zwei Stelen des Mahnmals seien demontiert und untersucht worden, doch hätten Experten den Fehler nicht ermitteln können. Es sei lediglich festgestellt worden, dass die Rissbildung atypisch sei, erklärte Damianakis. Auch Neumärker steht vor einem Rätsel: "Wir kennen die Ursache nicht. Wenn man sich die Komplexität des Themas anguckt, dann sind die Stelen aufgebaut worden in einem Bereich, der geprägt war durch diverse Baustellen und möglicherweise spielen da auch die Baustellen der amerikanischen Botschaft oder die Baustelle des S-Bahn- und U-Bahntunnels eine Rolle."

Das Holocaust-Mahnmal war im Mai 2005 eröffnet worden. Die Kosten für den Bau beliefen sich auf 27,6 Millionen Euro. Die Mittel wurden vom Bund zur Verfügung gestellt.

hoc/ddp/AP/dpa